Modell der missachteten zentralen Lebensthemen (MissLe)
Das Modell geht von 10 zentralen Lebensthemen (LT) aus, welche die Werte, Prägungen und Basal-Bedürfnisse von Menschen clustern.
Der alte Mensch hat sich im Laufe seines Lebens verschiedene Lebensthemen, teils parallel zu eigen gemacht. Im Alter und besonders bei einer Demenzerkrankung werden jedoch für die Person mit einer Demenz 1-2 LT zentral. Deren damit verbundenen reaktiven Verhaltens-weisen haben sich auch in überfordernden Situationen für die Person besonders bewährt.
Das Modell der missachteten zentralen Lebensthemen vereint die jeweils anerkannten Erklärungsmodelle PLST (erniedrigte Stresstoleranzschwelle), die Adaption-Coping-Perspektive sowie das NDB- Modell und personalisiert sie mit Hilfe des zentralen Lebensthemas der betroffenen Person.
Basispflege überfordert die Betroffenen besonders häufig
Beobachtungen der Fachgruppe Pflegeentwicklung Nord-West-Schweiz in schweizer Pflegeheimen zeigen, dass es in Basispflege-Situationen besonders häufig zu BPSD kommt.
Es ist die empfundene Missachtung des zentralen Lebensthemas in der Situation, die zu den herausfordernden Verhaltensweisen führt. Missachtete Lebensthemen, wie „Selbstbestimmung und Verantwortung leben“, „Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen“ sowie „Sinn und Bedeutung geben und erfahren“ führen besonders häufig zu aggressiven Verhaltens-reaktionen.
Bei ihren Bemühungen auch in den Basispflegesituationen „wertschätzend“ mit den Pflegebedürftigen umzugehen, stoßen selbst Demenz-spezifisch ausgebildete Fachpersonen schnell an ihre Grenzen. Die Pflegenden mögen zwar personzentriert sein, handeln aber oft nur allgemein ´wertschätzend´. Dieses Interagieren wird von den Personen mit einer Demenz oft nicht als persönliche Wertschätzung erlebt – im Gegenteil. Die Betroffenen fühlen sich mitunter persönlich angegriffen, wenn ihr zentrales LT missachtet wird.
primär psychosoziale Bedürfnisse lösen BPSD aus
Wenn am Morgen bei der Körperpflege BPSD auftritt, liegt das weniger an körperlichen Bedürfnissen wie Wärme, Schmerzfreiheit oder Hunger/ Durst, sondern hauptsächlich daran, wie die anderen Personen (insbesondere Pflegende, seltener Mitbewohnende) im direkten Umfeld der PmeD mit diesen Bedürfnissen bzw. der Person umgehen. Es geht darum, in welcher Beziehung sich die PmeD zu ihren Bezugspersonen erleben. Da reicht es nicht, wenn jemand „gefüttert“, „aus dem Bett geholt“, „fertig gemacht“, „abgeduscht“, „toilettiert“ u.ä. wird. Die Person-konsolidierende Beziehungsgestaltung z.B. mithilfe der basalen GeVAV-Pflege, ist in diesen Situationen entscheidend.
Persönliche Wertschätzung
kann über die Berücksichtigung des in der Basalen Stimulation beschriebenen individuellen zentralen Lebensthemas besonders gut vermittelt werden.
Mit dem einmal (als Credo für die Pflegeplanung) erarbeiteten zentralen Lebensthema können alle Pflegesituationen spontan und auch besonders von Pflege-Assistenzpersonen Person-zentriert gestaltet werden.
Erklärungsmodelle für Verhalten das herausfordert
In der Pflegewissenschaft gibt es drei verbreitete Erklärungs-Modelle zum Verständnis von herausforderndem Verhalten bei Menschen mit einer Demenz (Georg in Weber-Long 2021):
Das Modell der niedrigen Stressschwelle (PLST -Modell) geht davon aus, das sich MmeD nicht mehr ausreichend vor Reizen aus der Umgebung schützen können und deshalb mehr Stress empfinden als andere Personen.
Das Adaption-Coping-Modell zeigt auf, das MmeD durch ihre verringerten Bewältigungsstrategien sich nur noch schwer an veränderte Umgebungsbedingungen anpassen können.
Das Modell der unbefriedigten Bedürfnisse (NDB -Modell), bei dem sich die betroffene Person mit ihrem Verhalten von Unbehagen befreit oder einen Wunsch, ein Bedürfnis befriedigen will oder Frustration und Enttäuschung ausdrücken will.
James und Jackman bezeichnen NDB-, PLST- und Adaption-Coping-Modell als „die drei hilfreichsten Konzeptualisierungen herausfordernder Verhaltensweisen“ und betonen, dass sich die einzelnen Bezugsrahmen nicht ausschließen, sondern „sich vielmehr ergänzen, wenn es darum geht herausforderndes Verhalten zu verstehen“ (2019, S.33).
Die drei Modelle gehen weniger auf das die Persönlichkeitsgeschichte geprägte Selbst-Erleben und das sich in aktueller Beziehung-erleben zur Pflegeperson während einer Basispflegesituation ein. Bedacht werden nur allgemeine biopsychosoziale Bedürfnisse, wie sie Maslow und Kitwood auflisten. Allgemeine Bedürfnisse, wie ‚wohlfühlen‘ sind besser zu fassen, wenn ich das zentrale Lebensthema der Bertoffenen kenne. Dann kann ich zum z.B. ‚Sicherheit-erleben‘ konkret berücksichtigen und durch die Pflege erleben lassen.
Auch Stresstoleranz-Schwellen und Copingstrategien werden weitgehend unspezifisch betrachtet. Damit sind die drei Modelle nur personenzentriert, nicht aber Lebensthemen- oder Persönlichkeitsgeschichten-bezogen bzw. Person-zentriert.
Modell der missachteten zentralen Lebensthemen
Das neue ‘Modell der missachteten zentralen Lebensthemen’ (Schürenberg 2024) vereint die drei oben genannten Modelle und bezieht sich auf die zentralen Lebensthemen der Basalen Stimulation von Bienstein und Fröhlich. Die Missachtung der zentralen Lebensthemen findet besonders häufig während Basispflege-Situationen statt. Außerdem werden die Missachtungen dann als besonders bedrohlich empfunden. Schließlich umfasst die Basispflege besonders intime, schambesetzte Handlungen die der Betroffenen abgenommen und «aus der Hand genommen» werden.
In dem neuen Modell der missachteten zentralen Lebensthemen der Basalen Stimulation (MissLe) werden alle drei Erklärungen zusammengeführt: Personen mit einer Demenz und BPSD fühlen sich besonders in Basispflege-Situationen durch die Missachtung ihrer persönlichen zentralen Lebensthemen seitens der Pflegenden bzw. durch deren Art der Beziehungsgestaltung überfordert, geängstigt und gestresst. Ihre persönlichen Basalbedürfnisse werden dabei noch weniger befriedigt bzw. aus ihrer Sicht massiv missachtet. Sie fühlen sich persönlich betroffen oder gar angegriffen. In ihrer Not versuchen sie panisch ihre alten bewährten Copingstrategien zu nutzen. Den Personen mit einer Demenz gelingt es jedoch nur karikaturartig diese Strategien zu nutzen.
Die zentralen Lebensthemen aus der Basalen Stimulation betiteln 10 Gruppen von Werten, Prägungen und Erfahrungen von Menschen, die diese im Laufe ihres Lebens gesammelt haben (Buchholz 2013). Hieraus ergeben sich jeweils persönliche Basalbedürfnisse. Damit diese Bedürfnisse gestillt und von anderen Personen geachtet werden, haben die Betroffenen eigene und dennoch typische Strategien entwickelt.
